15 Jahre „ORBI“: Das Geheimnis auf dem Belchen und Friedrich Nietzsche

Genau jetzt im Oktober jährt sich der Baubeginn eines meiner prägendsten Projekte zum 15. Mal: Im Herbst 2011 entstand in einer intensiven Teamleistung die Skulptur „Orbi“, die kurz darauf im November im tiefen Eis des Belchen-Gipfels installiert wurde. Ausgehend vom heutigen 182. Geburtstag von Friedrich Nietzsche ist dieses Jubiläum der perfekte Anlass, um über die anhaltende Relevanz und die konzeptionelle Tiefe dieser Arbeit nachzudenken.

Die Verhüllung des monumentalen Gipfelkreuzes mit den hölzernen Bänken eines Papstbesuchs wird oft als reiner Protest missverstanden. Doch meine Intention ging weit tiefer. „Orbi“ greift ein universelles, sakrales Prinzip auf: Jedes Heiligtum bewahrt sein Allerheiligstes in einem verschlossenen Raum, einer Kiste, einer Arche. Indem das Kreuz den Augen entzogen wird, entsteht Raum für das, was dahinter liegt. Die Arbeit entzieht das religiöse Symbol dem schnellen, alltäglichen Konsum und wird selbst zum Geheimnisbewahrer. Das Leben ist ein Geheimnis – und die Kunst steht mittendrin.
Inmitten einer Phase persönlicher und gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit – ganz im Sinne von Nietzsches Diagnose einer Epoche, die ihre festen Koordinaten verliert – wurde „Orbi“ zu meinem Stellvertreter auf dem Berggipfel. Seine Augenpaare blicken starr in alle vier Himmelsrichtungen und scannen den Horizont. Er ist eine Antenne im Ungewissen, die nach neuen Wegen sucht.

15 Jahre später, in einer Welt, die sich noch schneller dreht und in der feste Orientierungspunkte seltener werden, ist „Orbi“ aktueller denn je. Kunst darf sich nicht im Gefälligen ausruhen. Sie muss der Zeit voraus sein und dort stehen, wo die Fragen wehtun und die Perspektiven weit werden.
Impressionen vom damaligen Aufbau im Eis sowie die spektakuläre Dokumentation der Skulptur unter dem sommerlichen Sternenhimmel (Fotografie: Jürgen Rösch) sind aktuell auch auf meinem Instagram-Kanal (@marcovschuler) zu sehen.

15 Years of „ORBI“: The Mystery on the Belchen Summit and the Philosophy of Orientation
This very October marks the 15th anniversary of when one of my most defining projects began taking shape. In autumn 2011, through an intense team effort, the sculpture „Orbi“ was created, before we installed it in the deep ice of the Belchen summit that November. Coinciding with Friedrich Nietzsche’s 182nd birthday today, this anniversary provides the perfect occasion to reflect on the enduring relevance and conceptual depth of this work.
Enclosing the monumental summit cross with the wooden benches from a papal visit is often misunderstood as a crude protest. Yet my intention went far deeper. „Orbi“ taps into a universal, sacred principle: every sanctuary preserves its holiest of holies within a closed space, a chest, a secret. By withdrawing the cross from view, space opens up for what lies beneath. The work removes the religious symbol from quick, everyday consumption and becomes a keeper of secrets itself. Life is a mystery—and art stands right in the center of it.
Amidst a phase of personal and societal disorientation—very much in the spirit of Nietzsche’s diagnosis of an era losing its fixed coordinates—“Orbi“ became my proxy on the mountain peak. Its pairs of eyes look rigidly in all four cardinal directions, scanning the horizon. It acts as an antenna in the unknown, searching for new ways forward.
15 years later, in a world that turns even faster and where fixed points of orientation are becoming rare, „Orbi“ is more relevant than ever. Art must not rest in being pleasing. It must be ahead of its time, standing precisely where questions hurt and perspectives open wide.
Impressions of the construction in the ice and the spectacular documentation of the sculpture beneath the summer starry sky (Photography: Jürgen Rösch) can currently be viewed on my Instagram channel (@marcovschuler).


